Im Gespräch mit: Theaterdirektor, Schauspieler und Regisseur …
… Stephan Rabl – dem Mann, der im Dschungel Wien die Fäden in der Hand hält.
Kinder & Co: Seit wann gibt es den Dschungel Wien?
Stephan Rabl: Das Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier eröffnete am 1. Oktober 2004 seine Bühnen für das junge Publikum.
Wer und wie viele Kreative arbeiten hier?
Es ist kaum zu glauben, aber in den Stücken der letzten Saison wirkten insgesamt 846 Künstlerinnen und Künstler mit. Da der Dschungel Wien kein Ensemble hat, werden die Stücke von den freien Gruppen fertig produziert und aufgeführt. Als fixes Team arbeiten 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Technik, Dramaturgie, Produktion sowie in den Bereichen Kommunikation, Schulbetreuung, Kaufmännisches, Publikumsservice und Reinigung.
Wer schreibt die Theaterstücke?
Da bei uns alle Sparten der darstellenden Kunst gezeigt werden – also Schauspiel, Erzähltheater, Tanz, Tanztheater, Performance, Oper, Musiktheater, Figurentheater usw. –, werden die Stücke unterschiedlich erarbeitet. Manchmal sind es Autorinnen und Autoren, die vorher die Stücke schreiben, manchmal wird es in Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Regisseuren gemacht, manchmal entstehen Geschichten durch Improvisation über Wochen hindurch und bei Tanzproduktionen sind es die Choreografinnen und Choreografen, die ihre Ideen umsetzen.
Welche Angebote gibt es rund um den Dschungel Wien?
Das ist so vielfältig, wie es dem „echten“ Dschungel entspricht. Wie bereits erwähnt werden alle Formen von Theater und Tanz gezeigt. Dies gibt es auch im Erwachsenenbereich – in insgesamt ungefähr 40 Theatern in Wien.
Doch für ein junges Publikum vereinen wir es in „unserem“ Dschungel Wien. Neben den Vorstellungen gibt es Workshops, Ateliers, Abenteuernächte im Theater, Feste für Kinder, Familien und Jugendliche, Lesungen, Konzerte, Diskussionen, Ausstellungen, Buchpräsentationen, Nachwuchswettbewerbe, Schreibwerkstätten, ein sehr großes Vermittlungsprogramm für Kindergärten und Schulen – und selbstverständlich ein täglich geöffnetes Café, wo man hautnah die Künstlerinnen und Künstler erleben, sehen und mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Tja, und oft gehen wir auch noch auf Tournee in ganz Österreich und darüber hinaus – so zum Beispiel auch in das Sydney Opera House oder auf Festivals in der ganzen Welt wie zuletzt in Japan und Korea. Insgesamt gibt es in einem Jahr zirka 650 Veranstaltungen.
Spielen ab und an auch Kinder in den Theaterstücken mit?
Ja, es gibt eine sehr wichtige Sparte „Jugendliche für Jugendliche“, in der über Monate hindurch professionell gearbeitet wird. In letzter Zeit stehen verstärkt auch Stücke auf dem Spielplan, in denen Kinder ab acht Jahren mitspielen. Als ersten Schritt in eine solche Richtung kann ich nur unsere Sommerateliers empfehlen, wo sehr intensiv Theater und Tanz von Künstlerinnen und Künstler unterrichtet wird.
Welche Theaterstücke gibt es?
Alle. So vielfältig die Welt von Kindern und Jugendlichen ist, so vielfältig sind die Stücke. Von Märchen und Fantasiegeschichten über Wünsche und Träume der Kinder bzw. Sehnsüchte und Herausforderungen der Jugendlichen bis hin zu Klassikern wie Odysseus oder Faust.
Am wichtigsten ist uns die Kommunikation mit dem Publikum. Wir wollen sie berühren, ihnen Impulse geben, Fantasieräume für sie schaffen, dort, wo sie in ihrer Entwicklung stehen.
Wie wird bestimmt, welches Stück für welche Altersgruppe passt?
Dies ist ein Zusammenspiel aus Erfahrung und Wissen über die Entwicklungspsychologie des Menschen – also, welche Themen beschäftigen einen in welchem Alter oder welche Kommunikationsform ist möglich. Hinzu kommt noch der Probenprozess, in den Kinder eingebunden werden, um festzustellen, ob ein Stück zum Beispiel ab acht Jahren oder ab neun Jahren ist.
Am schwierigsten ist es genau zu definieren, ob ein Stück für Zwei- oder Dreijährige ist. Im Jugendbereich ist es ein bisschen einfacher, wobei die größte Herausforderung stets zwischen elf bis 13 Jahren liegt. Da in dieser Altersgruppe Kinder innerhalb von nur wenigen Monaten vom Kindsein in das Jugendleben wechseln und wieder zurück, um dann gleich wieder in die andere Richtung zu gehen. Aber man darf nie vergessen, dass jedes Kind anders ist.
Was ist das Besondere am Dschungel Wien?
Ich glaube all das, was bereits vorher erwähnt worden ist. Das Theaterhaus ist wie ein wirklicher „Dschungel“: Jeder stellt sich einen Dschungel anders vor. Und wenn sie bzw. er diesen zum ersten Mal wirklich erlebt, stellt sich heraus: Es ist ganz anders. Das ist wie im Theater, in der Kunst, jede Besucherin bzw. jeder Besucher sieht, denkt und fühlt etwas anderes und am nächsten Tag ist es wieder anders. Jeden Tag ein neues Abenteuer, jedes Stück eine andere Facette, jede Vorstellung eine andere Idee, andere Inhalte sowie Künstlerinnen und Künstler, jeden Moment eine andere Altersgruppe – und jeden Tag gibt es schon wieder neue Projekte. Wer uns kennenlernen will, muss mehr als nur ein Mal kommen, denn durch die Vielfalt gibt es keine Einordnung in typische Muster.
Bis zu welchem Alter gibt es interessante Angebote?
Wir sagen immer, unser Kernpublikum ist von zwei bis 22 Jahren, aber eigentlich machen wir Theater für alle! Warum? Weil Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Großeltern mitkommen und oft auch viele Erwachsene alleine in die Stücke gehen und weil wir finden, ein gutes Theaterstück muss alle berühren.
Ab welchem Alter sind Kinder „bereit“ fürs Theater?
Das ist eine viel diskutierte Frage. Wir starten bereits mit eigenen Projekten für Babys. Dies wird schon seit ein paar Jahren probiert. Und wir sehen: Ja, es funktioniert! Es ist möglich, Menschen ab sechs Monaten Theater und Tanz näherzubringen. Natürlich ist dies eine ganz andere Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler, doch es ist erstaunlich, wie die Reaktionen sind. Am besten selbst erleben! Ansonsten sind die Stücke für die Allerkleinsten meistens ab zwei Jahren.
Was „lernen“ die Kids durch die Theaterstücke?
Lernen? Theater ist etwas anderes. Sie erleben es, bekommen Impulse, freuen sich, entdecken Gefühle, Möglichkeiten für andere Ideen, sie fühlen sich verführt in andere Welten und verstanden in ihrem Leben. Sie können sehen, wie es ist, zusammen zu leben in der Familie, in der Schule, in der Gesellschaft, mit anderen Menschen und Kulturen. Und sie verbinden dies alles – für ihre eigenen Schritte. Nun ja, das kann man natürlich auch Lernen nennen, aber das Wichtigste ist, sie bekommen einen Freiraum, den sie selbst definieren.