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Kinder sollen positive musikalische Erfahrungen sammeln
Selbst singen und spielen statt nur zuhören, sich bewegen statt still sitzen: Marlies Reyer setzt in ihren Musikkursen für Kleinkinder auf viel Abwechslung. „Kinder & Co“ erzählte sie, wie sie ihre Kurse anlegt und was ihr wichtig ist.
Kinder & Co: Wie kam es zum Musikkurs für Kinder im Bockkeller des Wiener Volksliedwerks?
Marlies Reyer: Ich wollte Musikkurse für Kinder anbieten und habe beim Wiener Volksliedwerk angefragt, da sie den sehr schönen Spiegelsaal haben. Die Geschäftsführung war interessiert unter der Bedingung, dass ich einen Schwerpunkt auf traditionelles Kinderliedgut lege. Seit Anfang 2011 leite ich hier zwei Kurse. Der erste richtet sich an Kinder, die zwischen 24 und 36 Monate alt sind, der zweite an die Altersgruppe zwischen 18 und 24 Monaten. Jeweils mit einer Bezugsperson. Der Kursraum ist großartig. Es gibt eine Bühne mit tollem Resonanzraum, auf der man verschiedenste Geräusche „erzeugen“ kann, zum Beispiel, indem man darauf trommelt oder hüpft. Es gibt ein Klavier, Spiegelwände und alte Kinosessel – die Kinder können in dem Raum immer wieder etwas entdecken – und das tun sie auch.
Was bringt elementares Musizieren mit Kindern?
Zunächst einmal sind die Kurse für Kinder, die noch keinen Kindergarten besuchen, ein gruppendynamisches Erlebnis. Weiters wird die Wahrnehmung sensibilisiert und die Kreativität gefördert. Sie schulen auch soziales Verhalten, denn die Kinder müssen sich im Kurs auch in Geduld üben. Die Plätze sind zwar mit zehn Kindern beschränkt, trotzdem habe ich beispielsweise nur zwei Rührtrommeln bzw. gibt es hier ein Klavier. Das heißt, sie müssen lernen zu warten, bis sie drankommen. Das ist für manche Kinder sehr schwer. Das ist ein Lernprozess. Und dann sollen sie natürlich positive musikalische Erfahrungen sammeln.
Sollten die Eltern eine musikalische Vorbildung mitbringen?
Die Eltern oder andere Begleitpersonen müssen weder ein Instrument spielen noch singen können. Sie müssen lediglich die Bereitschaft zum Mittun mitbringen. Viele Eltern erwähnen gleich zu Beginn, dass sie unmusikalisch wären und nicht singen könnten. Aber: Jeder kann singen, man muss es nur üben, so wie man auch andere Fertigkeiten üben muss. Im Verlauf des Kurses lernen die Eltern jedenfalls dazu. Aber: Sie müssen keine Profisängerinnen und -sänger werden, sie bekommen Ideen für den Alltag. Indem ich Lieder immer wieder einmal wiederhole, festigen sie sich, sodass die Eltern sie auch zu Hause mit den Kindern singen. Wichtiger, als gut singen können, ist mir allerdings, dass die Eltern mit ihren Kindern eine gute Zeit verbringen und ihren Kindern in der kurzen Zeit des Musikkurses ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil werden lassen.
Wie legen Sie die Kurse an?
Mir geht es um ein musikalisches Gesamterlebnis. Musik soll den Kindern vor allem Spaß machen. Grundsätzlich lernt man durchs Tun, deshalb lasse ich die Kinder viel selbst ausprobieren und selbst Musik machen. Wenn die Kinder etwas selbst erleben, brauche ich auch nicht viel erklären. Da Kinder Rituale brauchen, beginnt und endet jede Stunde mit einem fixen Begrüßungs- und Abschlusslied. Das ist quasi der geschützte Rahmen, in dem sich alles bewegt. Ich bringe jede Stunde das Stoffkrokodil Karli mit, das bei den Kindern sehr gut ankommt. Karli hat einen Rucksack, der jede Stunde etwas anderes enthält. Das weckt die Neugier der Kinder, sie wollen wissen: Was hat er heute mit? Ist es ein Instrument oder etwas anderes?
Pro Kurs nehme ich maximal zehn Kinder auf. Jedes Kind wird im Kurs bewusst einzeln wahrgenommen und wertgeschätzt. Jedes Kind darf aktiv etwas tun und auch der Bewegungsdrang wird abgebaut.
Ich behandle jede Woche ein anderes Thema mit darauf abgestimmten Liedern. Mein Qualitätsanspruch an die Lieder ist: Sie sollen nicht blöde sein. Trotzdem wiederhole ich auch jede Stunde etwas aus der Vorstunde. Zum Teil wünschen sich die Kinder, dass wir „alte“ Lieder noch einmal singen. Denn Bekanntes gibt auch Sicherheit. Ich wiederhole allerdings nur in einem Maß, wo es nicht langweilig wird. Denn auch den Eltern sollen die Stunden Spaß machen.
Die Inhalte sind vom Alter der Kinder abhängig. Mit den Eineinhalb- bis Zweijährigen mache ich maximal fünf Minuten lang etwas im Sitzen. Je älter die Kinder werden, umso länger sind die Konzentrationsspannen.
Wie verläuft eine typische Kursstunde?
Derzeit behandle ich das Thema Berufe und Handwerk. Wir singen das Lied „Wer will fleißige Handwerker sehen“. Es hat insgesamt neun Strophen, die wir natürlich nicht alle in einer Einheit gestalten können. Mit jeder Strophe verknüpfe ich eine andere Aktivitäten oder Übung. Einige Beispiele: „Poch, poch, poch, der Schuster schustert zu das Loch“. Mit einem Klopfinstrument, einem Klangholz, klopfen die Kinder den richtigen Rhythmus mit. Ich brauche da nicht viel erklären, wenn die Bewegung zur Musik passt, funktioniert es ganz von alleine. Oder: „Der Maler streicht die Wände ein“. Wir malen mit Chiffontüchern unsere Polster an. Oder: „Der Glaser setzt die Scheiben ein“. Hier kommt das Triangel zum Einsatz. Bei „rühret ein, rühret ein, der Kuchen wird bald fertig sein“ dürfen die Kinder die Rührtrommel ausprobieren. Ab ca. drei Jahren sind Kinder so weit, dass sie am Klavier eine Tonleiter spielen können, schnell und langsam sowie hoch und tief können sie schon früher unterscheiden. Dazu gibt es Übungen, zum Beispiel spiele ich auf einer Trommel und je nachdem, ob ich schnell oder langsam trommle, laufen oder gehen Eltern und Kinder im Kreis.
Sie geben Konzerte und unterrichten Kinder bzw. Jugendliche. Wie ergänzen einander diese drei Tätigkeiten?
Ich schätze die Vielseitigkeit meines Berufs sehr. Meine Schülerinnen und Schüler profitieren davon, dass ich Kurse für Kleinkinder gebe und ich ihnen daher meine Erfahrungen aus der Praxis berichten kann. In den Konzerten und Musikkursen sind Kinder sind das härteste, aber auch das dankbarste Publikum, das man haben kann. Sie sind sehr kritisch und zeigen das auch offen. Man muss ihre aktuelle Stimmungslage oder ihren Geschmack treffen, um sie zu begeistern.
Ab welchem Alter können Kinder ein Instrument lernen?
Meiner Meinung nach mit ungefähr fünf Jahren. Es ist sehr abhängig vom Lehrer und jeweiligen Kind bzw. wie seine motorischen Fähigkeiten ausgeprägt sind. Meine jüngste Blockflötenschülerin ist viereinhalb Jahre alt. In diesem Alter muss der Unterricht sehr spielerisch gestaltet sein. Obwohl die Blockflöte aus verschiedenen Gründen als „Anfängerinstrument“ gilt, ist die Flöte für jüngere Kinder aufgrund der notwendigen Feinmotorik nicht so einfach zu erlernen. Grundsätzlich sollten die Kinder selbst ein Instrument lernen wollen und dann mit jenem Instrument beginnen, das sie lernen wollen.
Es gibt nur wenige Instrumente, mit denen dies aufgrund von anatomischen Gründen nicht möglich ist. Zum Beispiel braucht man zum Fagott- oder Klarinettespielen die vorderen Schneidezähne, weshalb diese keine Milchzähne mehr sein dürfen.
Durstphasen, wo ein Kind zum Beispiel keine Lust zum Üben hat, wird es immer wieder einmal geben. Hier sind die Eltern und Musikpädagogen gefragt, das Kind diese Phase hindurch zu begleiten.
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