Alles für das Kind
Martina Reichl-Rossbacher ist Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder (RAP) der MAG ELF (Amt für Jugend und Familie). Die Diplomierte Sozialarbeiterin über ihre Arbeit für Pflegekinder.
"Die Pflegefamilie von heute ist eine aufgeklärte, offene, wertschätzende Familie, die ihr Leben mit einem Kind, das nicht in seiner Familie aufwachsen kann, teilt und es begleitet, am liebsten bis zum Erwachsenwerden."
Kinder & Co: Warum brauchen viele Kinder eine Pflegefamilie?
Martina Reichl-Rossbacher: Pflegekinder kommen aus schwierigen familiären Situationen und haben in ihrem jungen Leben meistens schon Gewalt oder Vernachlässigung erlebt. Sie brauchen eine liebevolle Pflegefamilie, die sie stützt und betreut und für unbestimmte Zeit die Aufgaben der leiblichen Eltern übernimmt.
Warum geben Familien ihr Kind in Pflege?
Wenn Familien in Krisensituationen kommen, kann es sein, dass es alle aus der Bahn wirft. Wenn die Krise so massiv ist, dass die Alltagsversorgung der Kinder, vor allem von sehr jungen Kindern, gefährdet ist, dann brauchen Kinder liebevolle Versorgung, etwa in Krisenpflegefamilien. Eltern empfinden häufig die Krisenpflegefamilie als Unterstützung in ihrer vorübergehend schwierigen Lebenssituation.
Und wenn die familiäre Situation nicht veränderbar ist?
Dann wird von der Sozialarbeiterin bzw. vom Sozialarbeiter des Jugendamtes in Gesprächen mit den Eltern die für das Kind beste Lösung besprochen. Bei sehr jungen Kindern wird nach Möglichkeit die Unterbringung in Pflegefamilien angestrebt. Vielen Eltern fällt es nicht leicht, diese Entscheidung zu akzeptieren.
Doch es gelingt den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern immer wieder, dass Eltern beim Kennenlernen der Pflegeeltern das Gefühl bekommen, dass ihr Kind in dieser Pflegefamilie gut aufgehoben sein wird, dass sie als Eltern dieses Kindes akzeptiert werden und das Aufwachsen ihres Kindes miterleben können.
Was für einen Familienhintergrund haben Pflegekinder im Allgemeinen?
Pflegekinder kommen aus Familien, denen es nicht möglich ist, trotz zahlreicher professioneller Unterstützung ihr Leben, ihren Alltag in den „Griff“ zu bekommen. Sie haben meist ein sehr lückenhaftes Ressourcennetz. Häufig haben sie mannigfaltige Probleme, psychiatrische Erkrankungen bzw. Auffälligkeiten, Suchterkrankungen oder auch Gewaltproblematiken in den verschiedensten Ausprägungen.
Mehr Pflegekinder als je zuvor finden ein neues Elternhaus. Wer meldet sich heute bei der MAG ELF, um Kindern eine Chance zu geben?
Durch die gezielte Werbung und durch die guten Erfahrungen in den bereits bestehenden Pflegefamilien haben wir viele Interessierte. Die Pflegefamilie von heute ist eine aufgeklärte, offene, wertschätzende Familie, die ihr Leben mit einem Kind, das nicht in seiner Familie aufwachsen kann, teilt und es begleitet, am liebsten bis zum Erwachsenwerden.
Gibt es die typische Pflegefamilie?
Nein, die Pflegefamilie gibt es nicht, sondern den Pflegevater, die Pflegemutter in unterschiedlichsten familiären Lebensformen – als Patchworkfamilie, alleinerziehend, als homo- oder heterosexuelles Paar, also in allen Familienformen, die es in der Gesellschaft gibt. Das, was sie als Pflegeeltern auszeichnet, ist ihre Offenheit, ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Herkunft des Kindes und ihre hohe Wertschätzung gegenüber den Eltern des ihnen anvertrauten Kindes.