Expertin Julia Geldner informiert
Ärztin Julia Geldner von der Kopfschmerz Ambulanz für Kinder und Jugendliche, spricht im Interview mit Kinder & Co über die Ursachen von Migräne und wie Eltern ihren Kindern am besten helfen können.
Kinder & Co: Worin besteht der Unterschied zwischen Kopfschmerzen und Migräne?
Julia Geldner: Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Primärem und Sekundärem Kopfschmerz. Sekundäre Kopfschmerzen entstehen zusammen mit einem anderen Problem: Unterzuckerung zum Beispiel oder Fieber. Beim Primären Kopfschmerz wird zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne unterschieden. Spannungskopfschmerzen werden oft von Stress und Belastungen ausgelöst. Der Körper verspannt sich und das führt zu Kopfschmerzen. Migräne erkennt man daran, dass die Kopfschmerzanfälle recht selten kommen, dafür aber umso heftiger sind. Die Patientinnen und Patienten sind licht- und lärmempfindlich und ziehen sich zurück.
Ein Sonderfall und sehr selten ist der Kopfschmerz wegen eines Gehirntumors. Da sind die Kopfschmerzen aber meistens von neurologischen Symptomen wie Sprach- oder Gehstörungen begleitet und in den meisten Fällen kommt es auch zu Erbrechen.
Was ist die Ursache für Migräne?
Das Gehirn von Migränepatientinnen und -patienten arbeitet anders, die Reize werden anders verarbeitet. Das Hirn kann die Reize, die ständig eintreffen, nicht so gut aussortieren. Es tut sich schwer, Unwichtiges auszublenden. Wenn man zum Beispiel in eine neue Wohnung zieht, in der man Zuglärm hört, wird ein normales Gehirn dieses Geräusch bald ausblenden. Das Gehirn von Migränepatientinnen und -patienten nimmt immer alle Reize wahr – und ist deshalb oft überfordert. Es muss ständig arbeiten. Deswegen ist es für die Betroffenen das Beste, sich in einen dunklen und ruhigen Raum zu legen und möglichst alle Reize auszublenden und zu schlafen.
Durch welche Untersuchungen kann man Migräne nachweisen?
Das funktioniert nur durch die Krankengeschichte. Weder bei einer Magnetresonanz noch bei einem EEG kann man Migräne tatsächlich sehen. Eine „beweisende“ Untersuchung gibt es leider nicht.
Wie können Eltern ihrem Kind helfen?
Das beste Mittel ist Ruhe. Aber nicht alle Kinder können sich entspannen, wenn sie ruhig liegen. Manche entspannen sich bei einem Spaziergang mit dem Hund besser, oder wenn sie im Hof Fußball spielen. Eltern sollten also herausfinden, was ihrem Kind gut tut. Auf jeden Fall macht es auch Sinn, das Kind vor zu viel Druck – zum Beispiel in der Schule oder bei Spannungen zu Hause – zu schützen. Im Falle einer Migräneattacke geht es oft nicht ohne Schmerztablette. Spezifische Migränetabletten sind aber erst ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen. Auf Dauer ist die Selbsttherapie mit Tabletten keinesfalls zu empfehlen. Wichtig ist eine genaue Diagnose.
Wie werden Kinder mit Migräne behandelt?
Zuerst ist es eben wichtig abzuklären, was die Migräne auslöst. Die Lebensführung zu verändern, bringt meist schon viel. Das ist ähnlich wie bei Herz-Kreislauf-Patientinnen und -patienten: Die müssen gesünder essen und Sport betreiben. Bei Migräne sind Entspannungsphasen ganz wichtig. Oft macht auch eine Psychotherapie Sinn, um den Auslöser für die Attacken zu finden und zu lösen. Ziel der Migränetherapie ist es die Zahl der Attacken zu reduzieren und ihre Dauer auf weniger als zwei Stunden zu reduzieren. Völlige Schmerzfreiheit kann oft nicht erreicht werden, da Migräne mit der Funktionsweise des Gehirns zusammenhängt. Die Hardware eines Computers können Sie auch nur verändern, wenn Sie ihn auseinander bauen.